Schreiben: It’s simple but not easy

Literatur ist wie Leben: grösstenteils Wiederholung. Erstaunlicherweise jedoch gibt es von Zeit zu Zeit Wiederholungen, die dennoch das Prädikat «einzigartig» verdienen. Das trifft vor allem dann zu, wenn ein Text nicht durch seinen Einfallsreichtum heraussticht, sondern durch Vermeidung von Fehltritten. Und wenn ich von Fehltritten rede, dann meine ich damit: schlechter Stil.

Abhandensein von gutem Stil ist nicht eine Frage des Irrtums, sondern reine Unkenntnis. Rufen wir uns  kurz ins Gedächtnis zurück, was Ernest Hemingway sagte: «The most essential gift for a good writer is a built-in, shock-proof shit detector.» Das ist weise gesagt, noch kompetenter formuliert und obendrein höchst ermutigend. Denn tatsächlich ist man ab dem Moment ein guter Schreiber, da man keinen Scheiss mehr schreibt. Guter Stil ist die Vermeidung von Schlechtem. In der Praxis heisst dies: Jeder, der schreibt, muss «nur» alle sprachlichen Scheusslichkeiten und grammatische Dummheiten aus diesem Text streichen. Das, was dann übrig bleibt, hat automatisch guten Stil.

Wie man so etwas erreicht? Na ja: «It’s simple but not easy», wie die Amerikaner sagen. Sicherlich, Wolf Schneiders Bücher helfen bei der literarischen Läuterung. Trotzdem bleibt auch nach Schneiders Geisselung viel Scheiss in einem Text hängen. Ich rede da aus Erfahrung. Da kann der gute Schneider aber nix dafür.

Die Schwierigkeit gut zu schreiben, beginnt bereits bei der Tatsache, dass man oftmals gar nicht erst weiss, worüber man schreiben soll. In solchen Augenblicken höre ich diese dämonische Stimme in mir sagen: «Halt doch einfach die Fresse, wenn du nichts zu sagen hast.» Aber so einfach ist das eben nicht.

Wenn ich nichts zu schreiben weiss, dann tue ich das, was die meisten tun: im Netz surfen. Das ist bequem. Ich muss dabei nicht denken, sondern nur konsumieren. Ich lese Blogs. Ich vertiefe mich in Einträge des Wahnsinns, staune ab sanftmütiger Gedankengänge, erschrecke bei grammatischen Rülpsern und verzweifle an stilistischen Schluckaufs. Die Vielfalt täglich verfasster Texte ist erstaunlich. Nicht immer sind sie inspirierend, aber dennoch hinterlässt so manche Textpassage einen tiefen Eindruck.

Wie neulich zum Beispiel, als ich durch ein algorithmisches Missverständnis von Google auf einen sonderbaren Blog fehlgeleitet wurde. Das dort behandelte Thema interessierte mich nicht. Aber ich war dennoch fassungslos fasziniert. Der Verfasser der Textes: ein Meister des Unsichtbaren. Ein Mensch, der sich darauf versteht, die Stimmen der Toten durch Raum und Zeit zu teleportieren. Ein Buch hat er auch noch geschrieben. Ob selber verfasst oder vielleicht von einem Ghostwriter, war nicht ganz klar ersichtlich. Wie auch immer: Der Mann kann tote Stimmen wieder erwecken. Das ist seine berufliche Kernkompetenz, wie aus seinem Blog hervorging. Ich gehöre ja zu der Sorte Mensch, die im Zweifelsfall unsympathischerweise zu einer gewissen Skepsis neigt, dafür aber sympathischerweise nichts ausschliesst und alles in Betracht zieht. Was mich allerdings an diesen Kennern und Meistern des Unsichtbaren erstaunt, ist vor allem die Tatsache, dass sie allesamt schlecht schreiben, wenn sie zur Feder greifen, um uns ihre Geheimnisse und Fähigkeiten mitzuteilen. Ja, ich gebe es zu. Ich werde skeptisch und misstraue den Meistern, die sich nicht einmal auf die einfachsten Dinge verstehen. Denn ich will nicht so recht begreifen, dass ein Mensch zwar den Teufel und die Toten beherrschen kann, nicht aber die Grundlagen der Deutschen Sprache. Warum sollte der Umgang mit dem Dämon leichter sein als der Umgang mit der Grammatik?

Mittlerweile unterteile ich sämtliche Texter, Blogger, Journalisten und Schriftsteller nur noch in zwei simple Kategorien: die oberirdisch lebenden Elois und die unterirdischen Morlocks. Gestehen wir es uns ein: Die Erde ist eine Scheibe. Wir leben in einem Raster. Google Earth hat alles analysiert, kartografiert und googleisiert. Jede physische Bewegung hat ihre Koordinaten. Jede seelische Regung lässt sich in ein literarisches Zitat verpacken. Jeder verfügbare Zentimeter ist vermessen. Die Bibliotheken und Onlinearchive bersten vor Wissen. Alles ist gesehen, alles ist gesagt. Und das in mehrfachen Wiederholungen. Vielleicht gibt es wirklich nur noch zwei Richtungen, in die man sich bewegen kann, wenn man schreibt: Entweder man versucht, den Schleier des Verborgenen zu lüften oder aber man ist bestrebt, das Neue im Offensichtlichen zu finden.

Mich inspiriert eher Letzteres. Für mich liegt viel mehr Wahrheit im Offensichtlichen als im Verborgenen. Ich glaube nicht so sehr daran, dass sich die Welt gross verändert hat, sondern vielmehr, wie wir diese Welt sehen. Das Unbekannte im bereits Bekannten offenzulegen, durch eine neue Sichtweise, das erscheint mir erstrebenswert.

Wie man diese neue Sichtweise erlangt? Das ist manchmal einfacher gesagt als getan. Wie ich schon sagte: «It’s simple but not easy». Vielleicht beginnen wir damit, dass wir beim Schreiben so viel Scheiss wie nur möglich weglassen, um das Wenige was uns bleibt zu bewahren. Und das ist guter Stil.

Any swipe can change your life.

Frauen ansprechen, war nie mein Ding. Ich bin viel zu scheu, ja geradezu ängstlich, wenn es darum geht, mit dem schönen Geschlecht in Kontakt zu treten. Wenn ich mich mal überwinden kann (meistens nachdem ich mich mir genug Mut angetrunken habe), dann wollen die Frauen auf keinen Fall, dass man(n) sie langweilt. Sie wollen immer «das Spezielle». Sie haben den Anspruch, überrascht zu werden. Die Erwartungshaltung ist klar: Wir Männer müssen sie verzaubern, ansonsten gibt es keine Telefonnummer.

Nur für’s Protokoll: Ich bin ein ganz passabler Kerl. An Chancen hat es mir nie gemangelt. Wenn eine Frau mich zu lange anschaut, dann fühle ich mich geradezu verpflichtet, sie flach zu legen. Doch dazu kommt es nicht. Denn ich scheitere meistens an der Kontaktaufnahme. Bis auf ein paar wenige Ausnahmen, die nur durch göttliche Inspiration begünstigt waren (siehe hierzu: «Liebe: es geht um die Gurke»).

Ich bin gerade in einer Umbruchphase. Die letzten Wochen und Monate war ich sehr beschäftigt. Ich habe meinen Job gekündigt, damit ich etwas mehr Zeit mit mir selbst verbringen kann. Ich habe in dieser Phase all das getan, wozu man sonst keine Zeit hat im Hamsterrad des Lebens:

  • Den ganzen Tag lang nackt auf der Terrasse sonnenbaden.
  • Zum Masturbieren Viagra geschluckt (bitte nicht nachmachen).
  • «Der mit dem Wolf tanzt» auf koreanisch geschaut mit kantonesischem Untertitel.
  • Und darauf bin ich ganz besonders stolz: Mein Buch fertiggeschrieben, dass ich demnächst als e-book veröffentlichen werde.
  • Dazwischen habe ich meditiert und zwar: über die Würde des Scheiterns beim Hemden bügeln.

«Es ist Zeit für Veränderung», sagte ein guter Freund von mir, der selber sehr erfolgreich bei Frauen ist. Obschon er nicht einmal 1/3 meines unwiderstehlichen Charmes besitzt. «Ich habe die Lösung für all deine Probleme, Kumpel», sagte er weiter zu mir. Seine Augen glänzten wie die goldene Kuppel von Jerusalem, als er mir diese Nachricht verkündete. «Was hältst du davon, wenn ich dir sage, dass du von nun an Zuhause bleiben, dich in deine Bücher verkriechen und trotzdem die geilsten Bräute kennenlernen kannst, und das ohne Frauen anzusprechen?»

«Halleluja, Brüder und Schwester, gelobt sei der da kommt im Namen des Herrn», bejubelte ich diese frohe Botschaft meines Freundes. «Na klar! Das klingt wie ein Wunder! Was muss ich dafür tun?»

«Das Wunder heisst: Tinder. Du musst nur eine App herunterladen! That’s it. Danach wird dein Leben sein wie nie zuvor. Any swipe can change your life.»

«Das klingt ja zu schön, um wahr zu sein», sage ich zu meinem Freund. «Wo ist der Haken?»

«Es gibt keinen Haken. Na ja, einen schon, du brauchst ein Facebook-Account!»

«Waaaaassss? So etwas kannst du von mir nicht verlangen! Das geht jetzt doch zu weit», beschimpfe ich ihn.

«Hey, komm’ runter, Alter. Wenn du in deinem Leben etwas haben möchtest, dass du nie zuvor hattest, dann musst etwas dafür tun, was du noch nie zuvor getan hast. Also, meld’ dich bei Facebook an.»

Mein Freund, Marketing-Chef eines namhaften Grosskonzerns den ich hier nicht outen darf, weiss wie man verkauft. Also habe ich gegen das 11. Gebot unseres Vaters, den allmächtigen Herrn, verstossen: Du sollst nicht Facebooken!

Kurzer Rede langer Sinn: Ich habe Tinder heruntergeladen. Für diejenigen, die es nicht kennen, hier der Versuch einer Erklärung: Das Prinzip ist einfach. Du kriegst eine Riesenauswahl von Frauen auf dem Display präsentiert. Nun musst du dich nur noch entscheiden, ob dir das Bild gefällt oder nicht. Das geht ganz einfach. Ein Daumenwischer nach links heisst: geht gar nicht. Ein Daumenwischer nach rechts: I like! Ich fühlte mich umgehend wie ein kleiner Julius Cäsar im Kolosseum: Brot und Spiele für das gemeine Volk! Daumen hoch: Du bist meine Heldin. Daumen runter: Stirb!

Und wenn man Glück hat, dann gibt es einen sogenannten «Match», weil dich die heisse Braut auf der anderen Seite ebenso nach rechts gewischt hat (I like).

Es hagelte lauter «Matches». Und jetzt?

Ich rufe meinen Freund an, den Marketing-Chef. Ich brauche dringend eine Online-Benutzeranleitung:

«Du, hör mal. Ich habe da massenweise Matches in meiner App.»

«Toll! Ich gratuliere. Hab’s dir ja gesagt! Ich habe dir nicht zu viel versprochen. Ich treffe mich übrigens heute Abend mit einem ganz heissen Gerät, eine Russin, aus Minsk, die ich bei Tinder kennengelernt habe.»

«Freut mich für dich. Aber du verstehst nicht. Bei mir passiert nix. Ich habe viele Matches und da geht nix. Muss ich an meinen App-Einstellungen etwas ändern?»

«Natürlich geht da nichts. Du musst den Mädels jetzt schreiben, mit ihnen kommunizieren. Verstehst du? Tinder hat für dich die Verbindung hergestellt. Jetzt bist du am Zug.»

«Ich soll was, bitte schön? Wieso soll ich wieder der sein, der auf die Frauen zugeht? Das ist doch eine Verarsche. Keine von denen macht einen Schritt. Verdammt, kann das wirklich sein!? 18 Matches, 18 schöne, witzige, charmante Frauen. Und da ist nicht eine einzige darunter, die Eier genug hat, mir zu schreiben?! Die warten alle darauf, dass die Männer ihnen texten.»

«Ja, was glaubst du denn, wo du bist?»

«Frauen sind echt doof! Alles verwöhnte, faule Säcke! Und du mein Freund bist auch doof, dass du mir diese App angedreht hast. Tinder ist nicht besser wie eine verrauchte Bar. Da sitzen sie die Ladies, gaffen dich blöde an und warten darauf, dass du sie anquatschst.»

Hier mein Fazit:
Ich gebe Tinder bis Ende Juli eine Chance. Nein, falsch formuliert. Ich gebe nicht Tinder eine Chance, sondern ich biete den Frauen die Gelegenheit, mein Weltbild zu verändern. Bis Ende Juli werde ich das mitmachen, und ich möchte verdammt nochmal sehen, ob es da draussen tatsächlich nicht eine einzige Frau gibt, die «Manns» genug ist, mir zu schreiben und nicht wie eine Tussie nur darauf wartet, bis ein Typ sie antextet.

Da habe ich die Bescherung: Ich habe gesündigt, denn ich habe ein Facebook Account. Ich habe Matches, die nichts aussagen. Wer braucht schon eine Frau, wenn er Tinder hat!?

Ich werde jetzt diesen Blog hier posten, danach werde ich umgehend Busse tun und gehe in die nächste Bar, dort saufe ich mir einen an und quatsche jede Frau an, die mir über den Weg läuft.

Happy weekend.

Euer senzaghiaccio.

Liebe: «Attraction Junkies»

317.5. Das ist nicht bloss eine Zahl. Es ist kein Paragraph und auch keine Bibelstelle. Aber diese Zahl hat dennoch fast biblische Dimensionen. Eine Zahl, die darüber mitentscheidet, ob wir den Rest unseres Lebens mit jemandem verbringen werden oder nicht.

Es wurde erforscht, analysiert, destilliert, abstrahiert, gerechnet, vermessen, gewogen, gezählt und beobachtet. Jetzt weiss man endlich, was wir alle schon lange wussten: Die Leidenschaft hält nur 317.5 Tage. Immerhin, fast ein ganzes Jahr.

Klar, bei einigen von uns hält sie ein bisschen länger an, bei anderen entsprechend weniger. Es ist ein Durchschnittswert.

«Gefühle kann man doch gar nicht messen», höre ich ein paar aufmüpfige Romantiker opponieren. Ja, das kann man tatsächlich nicht. Aber es ist nun mal so. Die Statistik ist eine grosse Lüge, die aus lauter kleiner Wahrheiten besteht. Damit müssen wir uns alle abfinden, insbesondere die Romantiker. Denn auch wenn man der Überzeugung ist, Gefühle könne man nicht messen, so hat jeder schon die Wirkung fehlender Leidenschaft erlebt, und was sie in einer Beziehung verursacht, wenn sie plötzlich nicht mehr da ist.

Aber nun gut. Ich will nicht lange drumherum labern. Zuviel Theorie hält keiner von uns aus. Wechseln wir also gleich zur Praxis über. Statistik ist nichts wert, wenn man die aus ihr gewonnenen Erkenntnisse nicht in die Tat umsetzt.

Frisch Verliebte drehen durch. Sie verlieren den Verstand. Sie machen wahnsinnig seltsame Dinge, die sie unter normalen Bedingungen nie machen würden. Deshalb verlieben wir uns gerne, weil keiner bei normalem Verstand bleiben möchte. Mir geht es zumindest so. Und ich bin froh, dass es so ist. Aber irgendwann kommt der Moment, wo wir uns entscheiden müssen: Liebe oder Leidenschaft.

Liebe und Leidenschaft: das ist wie mit der Politik. Die Linke wird sich nie mit der Rechten einigen können.

Die Liebe will Geborgenheit, will Sicherheit, will Ankommen, braucht das Zuhause. Die Leidenschaft hingegen benötigt das Unbekannte, das Fremdartige, das Neue, das noch Unberührte, das Prickelnde und Aufregende. Nicht umsonst heisst sie Leiden-schaft: Ein Gefühl der Sehnsucht, die sich nach etwas Unbekannten sehnt und dabei Leiden schafft. Das hält eine harmonische Liebe auf die Dauer nicht aus.

Ich bekenne an dieser Stelle: Ich bin drogensüchtig. Ich bin ein Serotonin-Junky. Intravenös, oral, wie auch immer ich die Dosis kriegen kann, ich bin süchtig nach ihr. Ich brauche sie. Ich brauche diesen Chemie-Cocktail, egal ob geschüttelt oder gerührt. Er macht mich gesund. Strafft meine Haut. Lässt mich gut aussehen. Verleiht mir Würze und macht mich knackig wie ein Fenchel.

Aber da gibt es noch etwas viel geileres als Serotonin. Es ist unschlagbar und lässt alles andere alt aussehen. Es kommt dann zum Vorschein, wenn Amors Pfeil uns mitten ins Herz trifft. Oder genauer gesagt, in den Schädel.

In so einem Fall sinkt der Serotoninspiegel unter Normalwert. Macht Platz für den Star, den Justin Bieber unter den Hormonen. Das ultimative Zäpfchen. Wirkt instantly. Hammermässig. Macht Bumm und dann Zack. Es legt unsere Hauptschaltzentrale im Gehirn lahm und alles andere was sonst noch daran gekoppelt ist. Die Rede ist von: Phenylethylamin. Das ist das pure Crack unter den Verliebten. Das reinste LSD für Romantiker, das schärfste Kokain, sowohl für Romeo wie auch Julia. Wenn ich das Zeugs selber herstellen könnte, dann wäre ich der König unter den Drogendealern. Kolumbien wäre dann endlich wieder gewaltfrei, und ich könnte sorglos meinen Sommerurlaub dort verbringen.

Dieses Pheny-lethy-Justin-Bieber-Zeugs ist der Grund (und es ist der wirklich einzige Grund!), warum wir zu Beginn einer Beziehung all das nicht sehen, was uns später beim Partner so ziemlich auf’n Sack geht. Es ist der Grund, warum sie es beispielsweise toleriert, dass er seine zu Kugeln gerollten Schweisssocken vor dem Fernseher rumliegen lässt. Denn sie kann es schlichtweg nicht sehen. Sie sieht nicht Schweisssocken, sie sieht Liebeskugeln. Und ihn scheint es nicht weiter zu stören, dass die ganze Bude mal wieder nach Nagellackentferner stinkt. Wie auch? Sein Gehirn diktiert: Das ist der Duft der Liebe. Also Relax mein Freund und schnüffel’ noch ein bisschen weiter am Nagellackentferner. Dieses Phenylethy-wie-es-auch-immer-heisst, ist auch der Grund, warum wir bei Liebeskummer Schokolade in grösseren Mengen zu uns nehmen, weil dieses Zeugs in kleineren Mengen dort drin steckt. Diese chemische Verbindung in unserem Körper macht viele von uns zu «Attraction Junkies».

Aber es kommt auch hier, wie es mit jeder Droge kommt. Nach dem High folgt der tiefe Fall. Die Ernüchterung. Der gnadenlose Aufprall am Boden der Realität. Der Abspann des Films hat für viele bereits begonnen. Die «Attraction Junkies» haben das Kino natürlich längst verlassen. Haben sich auf die Suche gemacht nach einer neuen Lovestory. Und die übrigen von uns bleiben noch ein wenig sitzen. Wollen sich überraschen lassen. Vielleicht kommt da ja doch noch was.

Nach dem Abspann? Echt jetzt?

Machen wir uns nichts vor. Nach 317.5 Tagen endet die Verliebtheit. Wahrscheinlich schon viel früher. Der Film ist gelaufen. Da kann schon mal berechtigterweise die Frage auftauchen: Warum sollte der nette Kerl, mein Boyfriend, der in den vergangen Monaten doch so süss war, so ein toller Hengst, ein wundervoller Mann, so fürsorglich und einfühlsam, jetzt nicht mit mir zusammenziehen wollen? Es lief doch alles so gut bisher.

Keine Ahnung. Ist nur so eine Vermutung. Vielleicht hätte man das mit dem Zusammenziehen früher klären sollen. Dann, als der Körper über eine sehr konzentrierte Dosis Phenylethylamin verfügte. Dann, als die Schweisssocken noch Liebeskugeln und die Giftdämpfe des Nagellackentferners ein berauschender Liebesduft waren.

Klar ist, wir alle wollen nichts überstürzen. Man muss sich mal erst richtig Kennenlernen und so’n Zeugs. Das macht ja alles Sinn. Das ist das, was wir vernünftig nennen. Doch wer weiss? Vielleicht gibt einen noch vernünftigeren Grund dafür, dass die Natur uns diese Droge gleich in der Anfangsphase einer Beziehung verpasst, die uns manchmal doch so unvernünftig macht.

Vernünftig oder unvernünftig, wenn die Lunte nicht mehr brennt, ist es aus mit dem Feuerwerk.

Mir persönlich scheint jedoch folgendes dabei wichtig zu sein: Wenn einer der beiden Seiten nicht mehr weitermachen will, diesen nächsten Schritt nicht wagt, dann ist das nicht zwangsläufig ein Nein dem Menschen gegenüber, mit dem man gerade Schluss macht. Auch wenn es sich logischerweise für den Betroffenen so anfühlt. Ein Nein zu einer Fortsetzung der Beziehung, kann vielmehr ein Ja zu einer Droge sein. «Attraction Junkies» sind süchtig nach Leidenschaft. Im Grunde wünschen sich diese Menschen nichts sehnlicher als eine Beziehung. Doch wie bei einem Drogensüchtigen neigen sie nicht selten zu Depressionen und stürzen sich von einer Affäre in die andere, um diesen Kick wieder zu verspüren und das Phenylethylamin durch die Adern zu pumpen.

Das erklärt vielleicht auch, warum all die konstruierten, künstlichen Begründungen so lächerlich bescheuert klingen, wenn man mit jemandem Schluss macht. Die Argumentation hinkt sehr häufig, steht auf wackeligen Beinen, und sie hinkt deshalb so sehr, weil man einfach nicht in der Lage ist zu erkennen, dass man vielleicht ein sogenannter «Attraction Junky» ist. Als Süchtiger fällt es einem selber sehr schwer zu erkennen, dass man Opfer einer Sucht ist.

Deshalb, und ich wiederhole es gerne noch einmal an dieser Stelle: Jedesmal, wenn ein weiteres Herz gebrochen wird, und es vielleicht sogar Dein Herz sein könnte, sollte man sich dieses vor Augen halten. Ein Nein zu einer Beziehung kann auch einfach nur bedeuten, er oder sie ist ein «Attraction Junky». Es muss nicht zwangsläufig mit Ablehnung zu tun haben.  Das zu wissen, entlastet uns alle sehr. Es muss nicht unbedingt damit zu tun haben, dass man dem anderen nicht genügt, dass es eine Bessere oder einen Besseren gibt, man selbst für den anderen zu schlecht ist, zu dumm, zu hässlich, zu fett oder was man sonst noch an Selbstgeisselungen in solchen Situation freiwillig über sich ergehen lässt. Nein. Er oder sie ist einfach nur ein «Phenylethylamin Junky», «Attraction Junky», oder unter gewissen Umständen und nicht selten auch ein «Arschloch Junky». That’s it!

Wie auch immer. Belassen wir’s dabei. Keiner kommt daran vorbei. Nach 317.5 Tagen ist aus die Maus. Das ist der Augenblick, wo die Leidenschaft endet. Die Vorrunde der Amateurliga ist vorbei. Jetzt besteht die Möglichkeit, sich für die Champions-League zu qualifizieren. Aber dazu muss man was auf dem Kasten haben.

Man steht an der Schwelle der Entscheidung. Das Tor, durch das man hindurchschreiten muss, um überzugehen zur Liebe. Eine Form der Beziehung, die eine ganz andere Form ist als die des leidenschaftlichen Konsumierens. Es ist ein sehr einfacher Entscheid, der schwierig zu fällen ist.

Leidenschaft oder Liebe: Es ist kein romantischer Entscheid. Es ist vielleicht sogar ein sehr leidenschaftsloser Entscheid. Es ist ein bewusster Entscheid, für eine besondere Form des Zusammenseins mit einem besonderen Menschen. Und die Klarheit, die für diese besondere Entscheidung notwendig ist, sollte frei von jeglichem Drogeneinfluss sein. Frei von Serotonin, frei von Phenylethylamin und weiss der Teufel, was für eine Scheisse wir sonst noch so in unserem Hirn drin stecken haben.

Also meine lieben Freunde, hier ist meine Message für’s Wochenende: Keine Macht den Drogen! Vor allem nicht in der Liebe. So trifft man vielleicht die weisen Entscheidungen, die aus den verborgensten Winkeln unseres Herzens kommen.

In diesem Sinne: Make love not war. Macht noch mehr love, never ending love und dann vielleicht, aber nur vielleicht, mit sehr viel Glück, entdecken wir eine vollkommen neuartige Leidenschaft, die uns bisher noch nicht bekannt war.

Und für «all’ die», die leer ausgehen, hat «Aldi» gerade einen Sonderaktionsrabatt auf Schokolade.

Schönes Wochenende
Euer senzaghiaccio

Diamanten der Seele

Diese Worte, meine Liebe, lege ich nieder in dein Herz.

Es gibt Stunden der Einsamkeit, in denen meine Gedanken durch mein Bewusstsein schlendern wie gleichgültige Passanten auf den Strassen der Nacht, die sich begegnen und sich dabei weder grüssen noch kennen.

Mich selber suchend, habe ich nie aufgehört dich zu suchen. Dich suchend, habe ich mich verloren.

An jenem Tag zog ich los. Ich ging hinaus in die Welt, die du mir mit deinen Träumen maltest. Und das Echo deiner wilden Lebenslust trieb fortan die Segel meines Schiffes.

Nun bin ich zurückgekehrt, um dir zu sagen, dass ich all diese Länder bereist habe, die du gemeinsam mit mir sehen wolltest. Ich habe die Städte erkundet, die in deinen Lieblingsromanen eine wichtige Rolle spielten. Ich habe die Menschen getroffen, denen du in deinen Träumen begegnet warst. Die Sonne habe ich an so vielen verschieden Orten auf- und untergehen sehen. Und obschon sie immer die gleiche Erscheinung war, empfand ich sie jedesmal wie einen anderen Stern.

Unentwegt ein Anderer sein. Dazu habe ich mich verschrieben. Denn die Seele ist ein heimatloses Land. Ein Fluidum, das von Gefäss zu Gefäss fliesst, von Herzschlag zu Herzschlag, von Kuss zu Kuss.

Diese Worte, meine Liebe, lege ich nieder in dein Herz.

Dein Abbild hält mich am Leben. Die Erinnerungen an unsere gemeinsamen Stunden sind zum Blutgefäss meiner Seele geworden. Du gibst den Rhythmus meines Atmens an. Du bist das Sternbild meiner nächtlichen Dichtung und der endlose Ozean meiner homerischen Träume.

Wie sehr vermisse ich deine Tränen. Jedesmal, wenn du vor mir weintest, wiesest du mir damit den Weg zu meinem eigenen Herzen. Entlang deiner wunderschönen, kristallklaren Augen bahnte sich eine gepflasterte Strasse der Sehnsucht, die unter dem Mondschein mir leuchtete wie ein Tränenschleif aus glitzernden Diamanten. Und jedesmal wenn ich deine Tränen von deinen Wangen küsste, sagte ich zu dir: «Diamanten der Seele schmecken salzig.» Und du musstest lachen. So, dass ich glaubte, du würdest nur noch deshalb weinen, um mir diesen einen Satz zu entlocken.

Ach, ich sage dir, ohne dich, was ist schon dieses Leben? Ich, der ewig Suchende. Ich, der Verlorene, der kein Zuhause mehr hat. Du warst die Beschützerin meiner selbst. Du warst die Tempelwächterin meines eigenen Wahnsinns.

Was ist schon dieses Leben? Eine Wahrheit verstümmelter Wahrnehmung. Denn zwischen mir und dem was ich sehe, liegt ein Universum von Möglichkeiten, wie ich es auch hätte anders sehen können. Aber ich sehe nun mal das, was ich sehe und es darf nicht verwundern, dass ich nur das zu sehen fähig bin, was ich fühlen kann, und ebenso nur das zu fühlen in der Lage bin, was ich zu sehen gelernt habe. Wer darüber hinauszusteigen vermag, zahlt dafür einen hohen Preis. Erhält aber im Gegenzug das Bewusstsein, in den Zwischenräumen seiner Existenz empfinden zu können. Dort wo der Raum gefüllt ist mit Poesie und Götterfunken aus dem Elysium.

Diese Worte, meine Liebe, lege ich nieder in dein Herz. Denn mehr als Worte ist mir nicht mehr geblieben. Worte der Erinnerung.

Was habe ich gemacht aus diesem Leben? Was habe ich gemacht aus dem, was ich hätte machen können, wenn du nur bei mir geblieben wärst?

«Jede Seele ist eine Leiter zu Gott», sagte dein Lieblingsdichter. Daran will ich mich halten. Mich festhalten an dieser Leiter, die du immer für mich warst.

Ich ziehe diesen Schicksalssplitter aus meinem Herzen und betrachte dich nun mehr wie in einem Traum, aus dem ich lernen muss, ohne dich, mich aus eigener Kraft zu erheben.

Mehr als Worte bleibt mir nicht … mehr als Worte habe ich nicht. Und diese Worte, meine Liebe, lege ich nieder in dein Grab. Auf das sie dich erreichen mögen, in diesem endlosen Traum meines ewigen Schweigens.

©senzaghiaccio

«Ich bin wie Flasche leer.»

Irgendwer hatte mal gesagt: «Älter werden ist nichts für Weicheier.» Damals musste ich lachen bei diesem Satz. Jetzt weine ich nur noch.

Machen wir reinen Tisch. Es ist kein Mythos. Männer haben Wechseljahre. Das ist ein Fakt. Eine Tatsache, die sowohl biologisch nachweisbar ist, wie auch durch psychologisch gestörte Verhaltensmuster leicht erkennbar wird. Ich bin einer, der es wissen muss. Erstens, bin ich ein Mann. Zweitens, stecke ich mitten in so einer Phase drin. Wie sonst ist es anders zu erklären, dass ich beim Pissen keinen Druck mehr auf der Leitung habe? Dass ich durchschnittlich 6,4 Minuten länger brauche als gewohnt, um einen hoch zu kriegen? Neigungen zu Depressionen verspüre? Ich dazu noch Heulkrämpfe bekomme, wie ein italienischer Mittelstürmer, der einem vom Himmel abgeschossenen Königsschwan gleich, im Strafraum zum Erliegen kommt?

Ich kann euch sagen, mein Vorher-Nachher-Bild ist kaum wiederzuerkennen. Ohne meine gewohnte Dosis Testosteron bin ich ein ganz anderer Mensch geworden. Ein mir völlig Fremder, der nichts mit mir zu tun hat. Ich vermisse mich so sehr … Verdammt, bei solch einem Satz fang‘ ich schon wieder an zu heulen.

«Ich kann so viel Obst essen wie ich will, das nützt einen Scheiss … », habe ich zu meiner Ernährungsberaterin gesagt. « … Die Kürbiskerne, die angeblich der Prostata gut tun, mit denen kannst du gleich die sterbenden Schwäne im Strafraum füttern. Wer weiss, vielleicht kriegen die wenigstens noch einen steifen Hals davon … .» Und das regelmässige Orgasmen zur Vorbeugung gegen Prostatakrebs gut sein sollen, auch daran glaube ich schon lange nicht mehr. Aber natürlich ist es noch immer eine gute Entschuldigung für erwachsene Männer, wenn sie inflagranti beim Onanieren erwischt werden. Ich meine, gegen Selbstbefriedigung als reiner Zeitvertreib ist nichts einzuwenden. Ich selbst habe eine sehr enge und intensive Beziehung zu meinem Schniedel aufgebaut, wenn auch nur rein platonisch. Aber man sollte diesen Dialog einfach nicht übertreiben, finde ich.

Wechseljahre sind so unfair wie ein frevelhaft herausgeschundener Strafstoss zu Gunsten der gegnerischen Mannschaft. Und das nachdem man doch in der ersten Lebensabschnittshälfte ein so überragendes Spiel abgeliefert hat. Die Ersatzspieler sind sich bereits am Warmlaufen. Der Druck steigt. Die Fitness kraftlos. Die Lenden saftlos. «Ich bin wie Flasche leer», könnte mich Trapattoni zu meiner Lebenshalbzeit berechtigterweise schellten.

Ja, man muss immer performen. Als Mann sowieso. Kohle, Macht und Prestige ist alles, was noch zählt, um das Selbstwertgefühl künstlich aufrechtzuerhalten. Das Eat – Pray – Love Mantra für Männer wurde bereits schon 47 v.Chr. proklamiert. Sein Echo schwingt heute mehr denn je im Bewusstsein eines testosteronabhängigen Wesens: «Ich kam – ich sah – ich siegte.» Das ist Evolutionstheorie auf den Punkt gebracht. Aber wie soll man diesen Sieg erringen, wenn der Hormonspiegel einen so niedrigen Pegel hat wie eine Wasserpfütze in der Wüste der Sahara? Was hat Mann sonst noch zu bieten ausser dem Trugbild eines gähnenden Nirwanas?

Theoretisch unterwerfe ich mich dem Gesetz der Natur. Die Biologie siegt. Immer und ausnahmslos. Was also bleibt mir und anderen Leidensgenossen noch übrig, als weiterhin to eat, to pray and to love? Praktisch gesehen jedoch schauen wir Männer nicht gerne tatenlos dabei zu, wie wir auf das Ende unseres Verfallsdatums zusteuern. Wenn auch sinnlos, so  werde ich weiterhin gegen die Natur aufbegehren. Ich rufe die letzten Hormone zum Kampf auf, die noch unter meinem Banner der Männlichkeit dienen. Und ich tue das auf die einzige ehrenhafte Weise, wie es sich für einen grossen Krieger gehört: Rohkost. Also her mit all dem knackigen Gemüse. Gebt mir saftiges Obst. Füttert mich mit Kürbiskernen, danach hole ich mir noch einen runter … so Gott will …

Euer senzaghiaccio

Flammenlicht der Traurigkeit

Liebe ist ein grosses Wort. Ewigkeit, ein noch viel grösseres. Freundschaft, unermesslich.

Sie war eine verzweifelte Frau. Verloren durch die Grenzenlosigkeit ihres Geheimnisses, welches sie ihrer Welt mitteilen wollte. Getrieben durch den Durst für das Mysterium und von der Liebe, mit der sie sich selbst zu vereinen versuchte, war sie dem Wahnsinn nahe. Aber es war nicht der Wahnsinn, indem man seinen Verstand verliert, sondern ein Zustand vollkommener geistiger Klarheit, die nur an einen Ort hinführen konnte.

Jedes Tor, das sie öffnete, führte sie hinein in eine noch grössere Leere. Jedes Fenster, das sie atemlos aufriss, zeigte ihr das ewig gleiche Sternbild ihres Schicksals.

Besessen von der Befreiung ihrer Seele, zog sie Kreise der Gefangenschaft um ihr eigenes Bewusstsein herum. Irregeleitet durch den Verstand des Herzens, blind vom Verlangen nach Erkenntnis. Ihre Träume waren zu Fleisch gewordene Trugbilder. Ihre Gefühle, die Dornenkrone einer selbstauferlegten Last.

Wenn ich bei ihr war, betrachtete ich sie wie eine reglose Statue in einem Gartenlabyrinth. Ein schweigsames Stück Marmor an dem sie verzweifelt immer wieder vorbei ging. Hoffend, weinend, schreiend nach einem Ausgang suchend.

Unzählig waren die spukhaften Nächte, in denen ich in ihre Augen blickte, die ich zu lieben lernte, wie die Erde den Mond zu lieben gelernt hat.

Ich erforschte sie Stück für Stück. Ihre Lippen, Hände, Füsse, Brüste, Bauchnabel und Haare. Ich durchdrang sie, berührte sie mit den Händen verborgener Leidenschaft und versuchte sie in den Zauber dieses Lebens wachzuküssen. Vergebens. Der Blütenduft ihrer inneren Landschaften vermochte nicht die Oberfläche dieser Erde zu erreichen. Körperlich hatte sie sich schon lange aufgelöst in ein Fluidum göttlichen Nichts. Ihr Atmen war nicht mehr von dieser Welt.

Ihr junges Leben eine kurze Flamme. Ein Streichholz, das die Götter am Stoff meines Herzen entzündeten, bis der Wind ihres Schicksals ihr zartes Licht vor meinen Augen auslöschte.

Euer senzaghiaccio

©senzaghiaccio

Liebe: Es geht um die Gurke

WIE man die Liebe seines Lebens findet, ist ja so eine Sache für sich. WO man sie finden soll, ist eine ganz andere Angelegenheit. Sich  dann auch noch mit der Frage herumzuschlagen, ob es denn Schicksal ist, wie und wo man jemanden kennenlernt … na ja, solches zu entscheiden, meine Lieben, überlass’ ich den Profis.

Wieder einmal war ich der einzige, der ohne weibliche Begleitung zu diesem Abendessen bei Freunden erschienen ist. Sechs Personen sind eine angenehme Zahl für ein gemütliches Gespräch unter gemeinsamen Freunden. Ich war Nummer sieben. Und damit es nicht allzu doof aussah, dass der mir gegenüberliegende Platz leer war, durfte ich das Privileg geniessen, am Kopfende des Tisches Platz zu nehmen, fast so wie ein Vorstandsvorsitzender bei einer Verwaltungsratssitzung, oder wie ein zappeliges Kind, das man gerne unter Kontrolle haben möchte. Kommt jetzt ganz auf die Perspektive an.

Es ist jedes Mal das gleiche. Jedesmal! Und es ist immer (wirklich immer, ausnahmslos immer!) eine Frau, die mit dieser bescheuerten Diskussion anfängt: «Aber jetzt erzähl’ doch mal, wie kommt es, dass jemand wie du noch immer Single ist?»

Solche Fragen sind doch echt langweilig. Menschen, die mich solches fragen, zeigen mir nicht, wie einfühlsam sie sind, sondern sie ermüden mich wie ein Treppenhaus ohne Liftaufzug. Es zeugt von mangelndem Anstand, Singles mit langweilige Fragen zu belästigen. Wir finden es ja cool, dass man sich für uns beim Essen interessiert, aber bitte, langweilt uns nicht. Fordert uns heraus. Denn die Antwort auf eine solche Frage sagt doch gar nichts aus. Da kann nichts Gescheites dabei rauskommen, selbst wenn man den IQ eines Nobelpreisträgers in Astrophysik besitzt. Was will man darauf schon antworten?

Wenn man unbedingt bei dieser Frage bleiben möchte, dann wäre es doch viel schlauer zu fragen: «Jetzt erzähl’ mal, wie kommt es, dass jemand wie du SCHON WIEDER Single ist?» Hey, da spielt die Musik gleich von wo anders her. Da kommst du echt in’s Schwitzen. Erstens, weil du damit nicht gerechnet hast und zweitens, weil jemand damit Eier beweist, dich so was überhaupt zu fragen. Und dabei hat man nicht einmal den ersten Gang hinter sich gebracht. Bis das Dessert serviert ist, bekommst du garantiert ne kostenlose Therapiesitzung.

Irgendwann kommt auch noch die Diskussion, wo man denn am besten den richtigen Partner finden kann. Einige schwören auf Verkuppeln, andere auf Online-Dating, ich auf Einkaufszentrum. Da habe ich nämlich meine Ex kennengelernt.

Ich erzähl die Geschichte in der Runde und sie ist im Grunde einfach erzählt. Ihr Einkaufswagen und meiner sind zusammengestossen. So kamen wir ins Gespräch. Und das war’s dann auch schon. Viel zu erzählen gibt es da nicht wirklich. Aber jedesmal, wenn die Leute das Stichwort Einkaufswagen hören, reagieren sie in der Regel sehr gerührt, besonders die Frauen. Und in dieser Runde war das nicht viel anders. Frauen glauben ja in solchen Fällen gerne mal an romantische Bestimmung und höhere Macht. Meistens sagen sie mir dann, dass es so kommen musste. Amor hätte seine Finger im Spiel gehabt, Gesetz der Anziehung und solche Geschichten.

Bullshit, kann ich dazu nur sagen. Von wegen Bestimmung. Bevor unsere Einkaufswagen zusammengeprallt sind, hatte ich sie bereits am Gemüsestand gesehen, wie sie eine grosse Gurke in der Hand hielt. Und da waren bei mir die Sicherungen durchgebrannt.

Was danach folgte, hatte weniger mit Schicksal zu tun, als viel mehr mit Guerillataktik. Zwischen Konservendosen, Müslis und Toilettenpapier bin ich herumgeschlichen. Ich habe sie heimlich in mindestens dreiundzwanzig Regale verfolgt. Habe zwischen Barilla-Saucen, Cannellonis und laktosefreier Milch gespitzelt. Ich habe Produkte in meinen Einkaufswagen gelegt, von denen ich nicht einmal wusste, dass es sie gibt. Ich wollte nicht auffallen. Die Tarnung war einfach erstklassig.

Ich habe fein säuberlich ihr Tempo studiert. Ihre Bewegungen analysiert, das angesammelte Gewicht ihrer Einkaufswaren eingeschätzt und dann alles fein säuberlich durchgerechnet. Ich kalkulierte, mit wie viel Tempo ich mit meinem Einkaufswagen um die nächste Ecke donnern muss, ohne jemanden dabei zu verletzen, und dennoch alles so aussieht, als ob es echt wäre.

Mein Timing war perfekt, das Tempo geschmeidig, die Kollision unvermeidbar. Alles ging wie am Schnürchen. Es war so elegant geplant, dass sogar ich jetzt, im Nachhinein, anfange zu glauben, dass diese Kollision höhere Bestimmung war.

Unsere Einkaufswagen donnerten also in einem gewaltigen Knall zusammen, gleich neben einem grossen Stapel Toilettenpapier (Die Symbolik unserer gemeinsamen Zukunft sprach für sich). Sie kam mit einer leichten Gehirnerschütterung davon. Nachdem sie sich kurz durchgeschüttelt hatte, trafen sich unsere Blicke.

Und jetzt kommt die grosse Frage. Was sagt man in solch einem Moment? Ihr glaubt ja nicht tatsächlich, dass ich diesen Augenblick dem Zufall überlasse, geschweige denn dem Schicksal. Ganz bestimmt nicht nach all dem Aufwand den ich bis zu diesem Zeitpunkt schon betrieben habe. Das Schicksal kann mich an dieser Stelle mal kreuzweise.

Jetzt kam der alles entscheidende Spruch. Der Satz, der alles besagt. Das magische Sesam-öffne-dich-Sprüchlein, das den Weg zur Gurke bahnt. Dieser Spruch darf nicht plump sein. Er darf nicht zu aufdringlich sein. Er darf nicht dies, er darf nicht das. Dieser Spruch muss einer Frau alles auf einen Schlag vermitteln können, was eine Frau über einen Mann wissen muss. Wie charmant man ist, wie intelligent, witzig, humorvoll, sexuell aktiv, überdurchschnittlich verdienend, kreativ, belesen, weltoffen, gepflegt, multikulturell, kommuniktativ, mindestens vier Fremdsprachen beherrschend, tierliebend, kinderliebend, hygienisch, organisiert, entschlossen, männlich, weiblich, ein bisschen schwul, sensibel, kuschelsüchtig, unabhängig, selbstständig etc. etc. … Aber am allerwichtigsten ist, dieser hallelujamässige Satz, der wie vom Himmel hernieder gestiegen kommt, muss ganz natürlich und spontan wirken! Dieser Satz muss genau so spontan klingen, wie alle anderen spontanen Sätze, die in die Geschichte der Spontanität eingegangen sind, wie zum Beispiel: «Ein kleiner Schritt für mich, ein grosser Schritt für die Menschheit». ODER: «Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann, sondern fragt, was ihr für euer Land tun könnt». ODER: «Ich kam, sah und siegte».

Einem solch hohen Druck ausgesetzt, kann man als Mann nur verlieren.

Ich hatte ja eine knappe halbe Stunde Zeit gehabt, hinter den Regalen versteckend, mir diesen einen Spruch sehr sorgfältig zu überlegen, aber ehrlich gesagt, es kam nichts Schlaues dabei raus.

Unsere Wagen also waren zusammengedonnert wie bei einem Autocrash. Ich setzte mein kostbarstes Lächeln auf. Ich schaute meiner zukünftigen Ex-Freundin tief in die Augen. Sie war mir ausgeliefert. Vor meinem geistigen Auge sah ich bereits, wie sie meine Gurke in ihrer Hand hält, und in genau diesem zauberhaften Moment meiner ungezügelten Fantasie wurde ich vom Blitz der Inspiration getroffen: «Woahh … Sie sind aber schnell unterwegs. Kaum haben wir uns kennengelernt, bumsen wir schon zusammen.»

Egal was man von diesem Spruch halten mag, er war erfolgreich. Ich muss es wissen, denn ich war dabei, als ich ihr meine Gurke als Trophäe überreichte (Ihr könnt mir sehr gerne unter den Kommentaren mitteilen, was ihr an meiner Stelle gesagt hättet).

Ein kleines Schmunzeln konnte ich der Runde mit meiner Geschichte abgewinnen. Jemand an diesem Tisch, und ich verrate nicht wer, schien den tieferen Zusammenhang zwischen Liebe und Gurke nicht ganz nachvollziehen zu können. Aber letzten Endes waren wir uns dennoch alle einig, dass eine unerwartete, persönliche Begegnung den besonderen Magic Factor verleiht. Doch egal mit welchem Zauber es anfängt, unter dem Strich ändert sich das Spiel für niemand. Egal wo man die Liebe seines Lebens trifft. Aber, und das ich auch wichtig, nicht alles, was Liebe ist, muss mit Liebe beginnen. Manchmal reicht auch eine Gurke für den Anfang und ein bisschen Glück gehört immer mit dazu.

Also meine lieben Damen, solltet ihr bald mal wieder zufällig beim Gemüsestand stehen, schaut euch erst einmal um, ob euch vielleicht gerade jemand im Visier hat, wenn ihr die Gurke in der Halt hält. Denn jede Gurke da draussen, hat eine ehrliche Chance auf Liebe verdient.

Euer
senzaghiaccio

Sturmfluten des Frühlings (Short Story)

Es gibt diese sentimentalen Momente im Leben eines Mannes, die von erotischer Nostalgie geprägt sind.

Neulich, erlebte ich wieder so einen Moment, als ich im Keller rumwühlte, wie ein verzweifelter Bettler, der im Abfall nach verwertbaren Essensresten sucht. Die Schachteln waren noch alle angeschrieben vom letzten Umzug, der bereits schon wieder acht Jahre zurückliegt. Und wie es im Leben so ist, wenn man nach etwas Bestimmten sucht, findet man etwas ganz anderes. Das gilt ganz besonderes für die Liebe.

In diesem Fall jedoch war ich nicht auf der Suche nach der Liebe, sondern nach einem Buch von dem ich überzeugt war, dass es irgendwo in diesen Kartons rumliegen müsste. Es handelte sich nicht um irgendeinen Roman, sondern es war das Buch, mit dem ich hoffte, meine fällige Steuerrechnung bezahlen zu können. Ich suchte nach Ernest Hemingways «Sturmfluten des Frühlings».

Man kann sicherlich über die literarische Qualität dieses Werkes streiten, doch über dessen materiellen Wert gibt es nichts zu diskutieren, denn wir reden hier von der englischen Erstausgabe. Sammler sind gerne bereit einen hohen Preis bis zum Gegenwert eines Kleinwagens dafür hinzublättern.

Wie auch immer, das Buch war nicht mehr aufzufinden. Ich war frustriert. Mir kam der spontane Gedanke, dass vielleicht meine Ex das Buch nur versehentlich hat mitgehen lassen, als sie ausgezogen ist.

Ein unangenehmer Druck der Enttäuschung legte sich auf meine Brust. Doch dann stockte mir der Atem, als ich etwas ganz anderes in meinen Händen hielt: eine VHS-Kassette!

Für die Jüngeren unter meinen Lesern: VHS steht nicht für Volkshochschule, sondern für Video Home System. Eine E-240 Kassette, Marke TDK. Fachkenner wissen, was das bedeutet: dieser Retro-Datenträger hatte genug Aufnahmezeit für knapp 3 Hollywood Spielfilme, wenn man es richtig anstellte. Das waren die ersten grossen Entscheidungen meines Lebens: Spielzeitlängen addieren, um ausrechnen zu können, welche Filme ich in welcher Reihenfolge auf einer solchen VHS-Kassette überspielen konnte. Und das war nicht immer ganz einfach, wegen den Werbeunterbrechungen, die mir oftmals einen Strich durch die Rechnung machten.

Ich las den Schriftzug auf der Videokassette, den ich knapp noch als meine eigene pubertierende Handschrift wiedererkannte: «9 1/2 Wochen».

80er Jahre Erotik auf einer Magnetbandlänge von fast 350 Metern, eingerollt in ein Stück Plastik. Es war ein sehr emotionaler Augenblick. Ich bekenne, ein Tränchen lief mir die Wange herunter, als ich in diesem Moment an Kim Basinger und Mickey Rourke denken musste.

9 1/2 Wochen, das war mehr als nur zwei Stunden lustvoller Erotik. Das war product placement at its best. Mickey Rourke, als New Yorker Wall Street Broker, eingekleidet von Comme des Garçons, war das Vorzeigebild eines 80er Jahre Yuppies. In einer Szene zeigte er uns die geometrisch und eintönig angeordnete Kleidersammlung in seinem Wandschrank, der sich mit einer tadellos eingeölten Schiebetüre öffnen liess. Definitiv nicht von IKEA.

In den Klamotten sah er makellos aus wie eine frisch gepellte Kartoffel. Jeder Mann wollte so aussehen, wie Mickey Rourke 1986 aussah (Scheisse, dass ich heute so was sage, bedenkt man, mit was für einer Fresse der jetzt rumläuft). Auch Joe Cocker wurde durch diesen Film unsterblich. Der Song, «You Can Leave Your Hat On», hat ihn zum absoluten Star gemacht und seine CD-Verkäufe schnellten über Nacht in die Höhe.

In den 80er Jahren wollte auch jeder ein Banker sein. Das war auf jeden Fall besser als Superman oder Bat Man sein. Die Wall Street war das Zentrum des Universums. Die Adresse wo das Geld nur so auf der Strasse rumlag. Mickey Rourke hat im Grunde mit seiner Rolle als John dazu beigetragen, dass meine Generation Mann nur noch ein Ziel vor Augen hatte: Börsenmakler werden, Kohle scheffeln wie ein Idiot, und Frauen wie Kim Basinger vögeln.

Was mich damals im Film besonders beeindruckte, war die Tatsache, dass John nie arbeitete. Er hatte Geld und dazu noch eine teure New Yorker Penthouse Wohnung. Er war einfach ein cooler Typ ohne Sorgen, der sich durch den Film vögelte. Inspiriert durch seine Rolle, sah ich als Teenager eine grosse Zukunft auf mich zukommen.

Kim Basinger hingegen, als Elizabeth, die attraktive Kunstgaleristin, na ja, was soll ich dazu sagen? Ihr Schauspieltalent war sicherlich grenzwertig, aber dafür war sie ein Symbol. Sie war ein Monument der Ekstase für alle verklemmten Männer dieser Welt. Ich stehe heute tief in ihrer Schuld, weil sie mein Bewusstsein zur Ernährung verändert und mir gezeigt hat, warum es als Mann wichtig ist, immer einen vollen Kühlschrank zu haben.

Inmitten dieser Schachteln nun, vor mir her träumend, vibrierte auf einmal mein Handy. Der Klingel-Song, «Ain’t That a Bitch» von Aerosmith, liess mich sofort wissen, wer nach mir verlangte: es war meine Ex.

Ich hatte keinen Bock mit ihr zu reden. Aber gewisse soziale Verpflichtungen zwingen die Menschen manchmal trotzdem miteinander zu reden, auch wenn’s schwer fällt. Diesmal war es jedoch nicht so schlimm, wie ich dachte. Sie wollte mir zu meinem Geburtstag gratulieren und mir alles Gute wünschen. Sie sagte, sie sei mit dem Auto unterwegs und in meiner Nähe, ob ich vielleicht Zeit und Lust auf einen Kaffee hätte. Ein kleines Geschenk würde sie auch mitbringen. Ich zögerte erst, dann willigte ich ein.

Als sie vor der Haustüre stand, war diese seltsame Anspannung da. Das eklige Empfinden nach dem man nicht mehr mit dem Menschen zusammen ist, von dem man vor kurzem noch glaubte, für den Rest des Lebens zusammenzubleiben. Das Gefühl eigenartiger Fremde und brennender Sehnsucht nach Nähe überfiel mich. Eine emotionsgeladene Mischung von: Ich-hasse-dich-du-Schlampe-für-alles-was-du-mir-angetan-hast-aber-ich-vermisse-dich-trotzdem.

Es war ein sanftes «Hallo», das von ihren Lippen zaghaft zu mir rübersprang, begleitet mit einem Kuss auf die Wange. Wir sprachen nicht viel. Wir hatten ja in den vergangen Monaten schon genug geredet. Alles gesagt, was es zu sagen gibt. Alles zerredet, worüber man noch reden kann. Im Grunde erstaunlich wie viele Worte es doch braucht, um nur zu sagen: «Ich hab’ einen Anderen.»

Sie bewegte sich geschmeidig durch den Wohnraum. Ihre langen, dunklen Haare fielen über ihrer Schultern wie ein königliches Gewand. Sie nahm Platz am Esstisch, dort, wo sie sich sonst immer hinsetzte, als wir noch zusammen waren. Sie vollführte jede Bewegung mit ästhetischer Sicherheit.

«Du hast das Sofa umgestellt», bemerkte sie sofort. «Und unser Lieblingsbild, das wir zusammen in Montmartre haben malen lassen, was hast du damit gemacht?» Ich schwieg und schaute sie nur an. Sie verstand sofort, dass ich keine Lust dazu hatte, ihr mein neues Leben zu erklären.

Sie griff in ihre Handtasche und holte ein kleines Päckchen heraus: «Happy birthday», sagte sie mit dem Lächeln eines schlechten Gewissens. Ich reagierte nicht darauf, schwieg noch immer und starrte sie an. Ich sass auf meinem Sessel, schaute zu, wie ein Lichtstrahl der Sonne, der durch das Fenster eintrat, ihr schönes Gesicht erhellte.

Mein Schweigen verunsicherte sie. «Vielleicht hätte ich doch nicht vorbeikommen sollen», sagte sie und erhob sich von ihrem Platz, als wollte sie wieder gehen. Sie legte das Geschenk auf den Tisch und sah dann die Videokassette. Sie verharrte einen Moment.

«Was ist das?», fragte sie. Sie schaute sich die Kassette genauer an. «9 1/2 Wochen? Das ist nicht dein Ernst?»
«Ist lange her, seit wir das letzte Mal gemeinsam den Kühlschrank gelehrt haben», sagte ich zu ihr. Die Erinnerung an unserer erotische Vergangenheit, entlockte ihrem Gesicht ein Schmunzeln.
«Wolltest du dir den etwa anschauen?», fragte sie mich.
«Ja, ist ein Geburtstagsgeschenk an mich selbst. Ich mach ne Flasche auf, lass mich volllaufen und schaue zu, wie Mickey und Kim es miteinander treiben.»
«9 1/2 Wochen, alleine an deinem Geburtstag? Gehst du nicht mit deinen Freunden feiern?»

Wieder ging ich nicht darauf ein, was sie sagte. Stattdessen: «Wie läuft es mit deinem neuen Freund?» Sie legte die VHS-Kassette wieder auf den Tisch zurück, gleich neben dem Geschenk. Ihr Blick war auf einmal etwas geschwächt und verunsichert. «Es ist etwas kompliziert», sagte sie. «Etwas kompliziert? Wie soll ich das verstehen?»

«Ich werde wahrscheinlich mit ihm Schluss machen», sagte sie mit einem enttäuschten Unterton. Diese überraschende Nachricht, hätte mich eigentlich freuen müssen. Doch ich freute mich nicht. Im Gegenteil, es machte mich wütend. «Du bist gar nicht wegen meinem Geburtstag hier. Du willst zu mir zurückkommen, stimmt’s? Du wolltest nur mal schauen, wie die Chancen stehen.»

Jetzt war sie mit Schweigen an der Reihe. Nach einer Weile holte sie tief Luft: «Es ist nicht so einfach. Es ist kompliziert. Vielleicht hab’ ich einen Fehler gemacht», sagte sie. «Vielleicht? Du bist eine verdammte, verlogene Schlampe, fluchte ich sie an.» Sie kam mit hohem Tempo auf mich zu und pfefferte mir eine heftige Ohrfeige.

Ich packte sie an ihrem Hinterkopf und drückte sie gegen die Wand. Wir schauten uns lange und tief an, ohne ein Wort zu sagen. Ich sah den Puls an ihrer Halsschlagader pochen. In unsere Augen brodelten ein unterdrückter Zorn der Lust. Die Lippen waren nur durch einen Hauch von Nichts voneinander getrennt. Sie fing an, sich zu wehren. Aber es gelang ihr nicht, sich von meinem Griff zu lösen. «Lass mich los», sagte sie. Ich legte meine Hand um ihren Hals und begann sie leidenschaftlich zu küssen. Sie biss mich und wehrte sich wie eine Raubkatze, die man in Ketten legen will. Zuerst schlug sie mit der Faust auf meine Brust, doch danach wurde die Faust zu einer hemmungslosen Umarmung.

Sie zog mir mein Shirt aus. Ich riss ihr die Bluse auf und massierte ihre Brüste. Es war ein barbarischer Akt leidenschaftlicher Erotik. Sie sprang auf mich und klammerte ihre Beine um meine Hüfte. Eng umschlungen trug ich sie so durch die Wohnung. Ich setzte sie auf den Tisch, legte ihren Oberkörper zurück und zog ihr die Jeans aus. Wir redeten kein Wort miteinander.

Mit der geballten Ladung Wut der vergangenen Monate, Frust, Traurigkeit, Sehnsucht und Begierde rammte ich meinen Schwanz in sie hinein. Wir fickten uns gegenseitig ins Koma. Das war kein Versöhnungssex. Es war Liebe. Ich liebte sie, wie ich sie noch nie geliebt habe, und sie stöhnte lauter, als ich es von ihr gewohnt war.

Immer wieder vereinten sich unsere Blicke. In solchen Augenblicken erotischer Wachsamkeit, erkennt man im anderen Menschen eine Sehnsucht. Und in dieser Sehnsucht erkennt man die Fragen, die nach einer tieferer gemeinsamen Bedeutung wurzeln. Man möchte für immer so vereint bleiben. Denn in diesem Moment gibt es nichts mehr zu bereden. Die Vereinigung zweier Körper ist die höchste Kommunikation zwei sich liebender Seelen.

In solch einem Akt darf man nicht denken. Darf nicht darüber nachdenken, ob man vielleicht wieder zusammenkommt, oder auch nicht zusammenkommt. Man darf sich nicht fragen, ob das was gerade geschieht, richtig oder falsch ist. Man sollte sich nur von dieser Vereinigung hemmungsloser, unaufhaltsamer Energie treiben lassen, und den Rest den Götter überlassen. Jenen die die unsichtbaren Fäden unseres Schicksals weben. Wir fickten uns gegenseitig, ohne verstehen zu müssen, was all das zu bedeuten hatte.

Auf dem Höhepunkt unserer Ekstase sah ich nur noch verschwommen die VHS-Kassette neben meiner Geliebten. Ein innerer Film zog an mir vorbei, wie ich als Kind meine ersten erotischen Gedanken hatte, und die gesamte Matrix meiner sexuellen Erinnerungen und Fantasien sich in diesem einen Moment eines erschütternden Orgasmus explodierte.

Der Nachmittag war lang, zog sich in den Abend hinein. Meine Ex hatte noch nicht das Bedürfnis zu gehen. Der Kühlschrank war voll. Wir fütterten uns gegenseitig mit erotischen Spielen wie in 9 1/2 Wochen. Am Abend dann, schauten wir uns gemeinsam die VHS-Kassette an, wie ein frisch verliebtes Paar, eng umschlungen, bei Kerzenlicht und Wein.

Als der Film zu Ende war, suchte sie ihre Kleider zusammen und zog sich wieder an. «War es das?» fragte ich sie. Und wieder erfüllte unerträgliches Schweigen den Raum. Sie setzte sich auf die Bettkante neben mich. Sie liess ihren Kopf hängen und sagte mit zitternder Stimme: «Es ist nicht einfach. Es ist kompliziert.»
«Was soll daran kompliziert sein?» fragte ich. Sie drehte ihren Kopf zu mir und begann zu weinen, als sie sagte: «Ich bin schwanger … und ich weiss nicht, wer von euch beiden der Vater ist.»

Sie schluchzte immer mehr, stand auf, nahm die Tasche, rannte zur Eingangstür, stieg ins Auto und fuhr davon.

Die Wohnung war noch nie so still. Noch nie war dieses Haus so leer wie in diesen Stunden verlogener und betrogener Liebe. Ich nahm eine Flasche Whisky und füllte mir ein grosszügiges Glas. Ich setzte mich an den Tisch und nahm einen kräftigen Schluck. Dann sah ich das Geschenk, dass sie für mich mitgebracht hatte. Ich löste die Schlaufe und riss das goldene Papier auf. Ich füllte mir ein weiteres Glas und kippte es in einem Zug hinunter, setzte mich auf den Boden und begann zu weinen.

Sie hatte mir ein Buch geschenkt. Nicht irgend einen Roman, sondern ein Buch mit dem ich nun meine fällige Steuerrechnung zahlen konnte: Ernest Hemingways «Sturmfluten des Frühlings.»

Euer
senzaghiaccio

©senzaghiaccio

Logbuch einer Sehnsucht

Meine Seele treibt wie an ein Strand herangeschwemmtes Stück Holz, das endlose Gewässer der Einsamkeiten durchquert hat.

In dieser Stunde, in der ich keine Träne weine, lasse ich bei ruhigem Wellengang meine einsamen Gedanken treiben.

Ich weiss, dass das was ich gerade fühle, schon andere vor mir gefühlt haben. Was ich schreibe, eine bereits vergessene Menschheit schon vor meiner Zeit niedergeschrieben hat. Dennoch muss ich meine eigenen Zeilen schreiben. Dennoch muss ich die Symbole meiner Konstellationen im Logbuch dieser Sehnsucht festhalten und sie zu deuten versuchen.

Liebkost von der Gnade des Unwissenden, male ich diese Zeichen mit zuversichtlicher Gelassenheit im Sandkasten meiner Kindheit.

Wir wissen nichts.

Wir wurden geboren, ohne den Trost des Todes zu begreifen. Wir wissen nicht, was Zeit ist. Wir wissen nicht, was Raum ist, und wir wissen ebenso wenig, wie Raum und Zeit auf die Träume unserer Seele einwirken.

Wir wissen nichts.

Wir wissen nicht, ob der Tod die Verwirklichung unserer Sehnsucht ist.

Wir wissen nichts.

Weil wir nicht mehr sind, als das was wir uns vorstellen. Wir können uns nur vorstellen, was wir auch zu fühlen fähig sind. Je grösser wir fühlen, umso mächtiger unsere Vorstellung und desto grösser ist unsere Schöpfung.

Wir kennen nur das Gefühl der Liebe, von dem wir ebenso nichts wissen. Ein Gefühl das reichen muss, um all jene Dinge zu beantworten, die wir nicht verstehen und von denen wir nichts wissen.

Lieben, heisst grösser werden. Bedeutet, die Energie eines rotierenden Sterns zu sein, der mit zunehmender Liebe an Masse gewinnt. Eine geballte Lichtquelle, die eines Tages erlöschen wird und durch seinen Tod unzählige neue Welten in fremden Galaxien erschafft.

An das Ufer dieser neuen Hoffnung herangeschwemmt, wärmt die Sonne eines erhabenen Wahnsinns dieses einfache Stück Holz, das ich bin. Gewandert durch Raum und Zeit, in endlosen Gezeiten menschlicher Einsamkeit.

Geduldig warte ich in einer unbekannten Dimension auf die Wiedervereinigung meinesgleichen. Jedes Werk vollendet sich in der Verbindung des Bewusstseins von Schreiber und Leser.

Getrieben vom Durst nach dieser Vereinigung, warte ich wie ein gleichgültiges Stück Holz auf diesen Kuss, den ich noch nicht empfangen habe.

Euer
senzaghiaccio

©senzaghiaccio

Melodie einer Möglichkeit

Andächtig bewundern wir den Klang unbekannter Melodien, die das Gehör unserer Seele ereilt, ohne je zu wissen, wer es ist, der für uns diese bezaubernde Musik erzeugt.

Ich schreibe diesen Text wie ein Kind, das zum ersten Mal vor einem Piano sitzt. Taste um Taste erkunde ich das Alphabet unentdeckter Landschaften.

Meine Worte, die sich zu ganzen Sätzen weiter entfalten, vermögen mit ihrer Musik vielleicht nicht zu verzaubern, aber ihr Klang wird dennoch von einer liebevollen Melodie kindlicher Unschuld getragen.

Vor mir selbst ewig fremd bleibend, bleibt das Zentrum meines Nichts umhüllt in einem Schattengewand der Angst. Nie wissend, wie es sich anfühlt, sein wahres Wesen im Spiegel des Seins zu erblicken.

Im Schlepptau solcher Sehnsucht verbringe ich jeden Tag mein Dasein an Krücken der Unwissenheit. Täglich füttere ich meine Seele mit Brotkrümeln zersplitterter Träume. Diese Art von Denken hat mich müde gemacht. Und doch ist es gerade diese schläfrige Trägheit, die mich bis zu diesem Tage wach hält.

Mit meinem Herzen habe ich die Mathematik der Liebe durchschaut, mit meinem Verstand die Algebra des Scheiterns ergründet, mit meinen Empfindungen die Geometrie des Abgrunds erforscht. Es gibt zuweilen tote Augenblicke meiner Seele, die weitaus erhabener sind als ein glorifizierter Atemzug von Lebendigkeit. Denn ich weiss sehr wohl, es ist ein leichtes, eine Theorie über das Leben zu spinnen, daran zu glauben und sein Leben danach zu entwerfen. Aber ich weigere mich. Ich lehne es ab und verwerfe alles, was je von Menschengedanken erschaffen wurde.

So messerscharf ich diese Logik gefühlsarmer Wahrheit wiedergeben kann, so erfüllend und emotional ist es zugleich, im Innern diesen Gesang des Unwissenden vor mich herzusummen.

Zaghaft geniesse ich die Möglichkeit, nun in einen neuen Traum hineinzuschlafen.

Ich klimpere weiter auf der Tastatur meiner Möglichkeiten, während über mir die hereinbrechende Nacht, ein bizarr anmutendes Klangbild mit dem Sternenstaub vergangener Welten malt. Eine Nacht in der Sterne nicht lügen. Eine Nacht in der die Wahrheit sich offenbart und das Licht deines Namens die Dunkelheit umhüllt. Eine Nacht, in der die Wesenheit deiner Seele so gross ist wie der Kosmos, der dich einst erschuf.

Wenn der Tag kommt, wo es keine Sterne mehr gibt, brauchen wir auch den Himmel nicht mehr. Und wenn das Licht des Himmels erloschen ist, werden wir ebenso auf all unsere Gebete verzichten können. Doch bis es soweit ist, sollten wir uns in Schweigen hüllen und auf die Knie fallen. Still in uns gehen, jeder für sich allein. Damit du deine eigene Signatur des Feuers in dir entzünden kannst, um dich zu jenem Stern zu erheben, der einst in die Seele eines unschuldigen Kindes gepflanzt wurde, das einsam und alleine vor einem Piano sitzt, und auf der Tastatur der Möglichkeiten seine einzigartige Melodie entdeckt.

In der Tat. Andächtig bewundern wir den Klang unbekannter Melodien, die das Gehör unserer Seele ereilt, nicht wissend, wer diese Musik spielt. Vielleicht ist es das Echo eines erloschenen Sterns, dessen Substanz noch immer in deinem Inneren brennt.

Euer
senzaghiaccio

©senzaghiaccio